Vielleicht ist es euch innerhalb der letzten Monate ebenfalls aufgefallen: Anime ist jetzt Mainstream.

Wie konnte es dazu kommen?

Anschnallen, bitte!

Kindheitsträume

Frodo

Eigentlich sollte man meinen, wir leben in einem goldenem Zeitalter für Freunde fantastischer Fiktion. Du standest schon immer auf Fantasy? Bäm! Die 2000er gaben uns die von Kritikern und Publikum geliebten "Herr der Ringe"-Filme. Eine Filmreihe, sie alle zu Rucksacktouristen in Neuseeland zu machen!

Du hast Ende der 90er gern Harry Potter gelesen? Bäm! Hollywood haut dir gleich eine ganze Ladung Multimillionen-Spielfilme um die Ohren! Noch nicht genug?

Kein Problem- hier sind die 2010er und, verdammt nochmal, GAME OF THRONES!! Eine Low-Fantasy aber High-Budget-Fernsehserie, basierend auf einer gewichtigen Romanreihenvorlage, die hauptsächlich aus Erzählungen um komplexe politische Intrigen in einer feudalen Fantasiewelt besteht, die von sehr kompetent geschriebenen Figuren bevölkert ist. Hätte mir jemand in den 90ern als Kind erzählt, dass

  1. ich das alles nicht nur selbst haben kann, sondern
  2. auf einmal jeder so etwas haben will, INKLUSIVE unserer Mütter und
  3. da richtig viel Geld reingesteckt werden wird, sodass die Produktionsqualität tatsächlich etwas taugt,

ich hätte es NIEMALS geglaubt; einfach zu schön, um war zu sein..!

Bunte Seiten, wilde Geschichten

Lobo / Maske

Ich habe in den 90ern auch angefangen Comics zu lesen. Anfangs waren es das "Micky Maus Magazin" und Disney's "Lustiges Taschenbuch" mit ihren Abenteuern um Mickey, Donald und Entenhausen. Später schwenkte ich dann zu DC-Comics um und fand viel Gefallen an Figuren wie Batman's Widersacher Bane oder dem versifften Antihelden Lobo. Warum Schurken, Gewalt, Knarren und spärlich bekleidete weibliche Figuren für Teenagerjungs faszinierend sind, wird wohl auf ewig ein Mysterium bleiben...

*räusper*

...aber es war auch nicht alles Schund. Als ich dann deutlich später auf einige ältere Comics aus den 80ern und Anfang-90ern stieß, die -zugegebenermaßen- auch für ein älteres Publikum geschrieben waren, wurde mir dann auch klar, dass Comics weit mehr sein können, als Guilty Pleasure für Teenager oder harmlose Fabeln für Kinder.

(Anm.: ein paar ausgesuchte Empfehlungen inkl. neuerer Comics: Batman-TDKR, Watchmen, Saga, Y: The Last man, V wie Vendetta, Sandman)

Nicht erst seit dem dunklen Ritter

Szene aus V wie Vendetta

Comicbuch-Verfilmungen und Superheldenfilme sind kein so junges Phänomen oder Genre, wie man vielleicht gegenwärtig glauben könnte. Große öffentliche Aufmerksamkeit und weitreichend positive Rezeption erlangte das Genre sicherlich erst Ende der 2000er durch Christopher Nolans zweiten Teil seiner Batman-Trilogie The Dark Knight, aber wenn man zurückblickt, dann brachten auch die 80er, 90er und frühen 2000er einige gute Comicverfilmungen. Zugegebenermaßen war es vielleicht bei manchen nicht mehr wirklich erkennbar, dass es sich um eine Comicbuchverfilmung handelt, entweder weil das Quellmaterial zu sehr "verhollywoodifiziert" wurde oder von Anfang an zu unbekannt war, aber nichtsdestotrotz bekamen wir noch vor Nolans Batman-Epos:

Avengers assemble!

Nach Nolans dunklem Ritter und Iron Man (2008), dem ersten Film dessen, was einmal das Marvel Cinematic Universe rund um die Avengers werden sollte, war es dann allerdings geschehen und Comicbuchfilme wurden DAS dominante Genre der Hollywood-Big-Budget-Blockbuster der 2010er.

Hat das irgendwer in den 90ern geahnt?

Wahrscheinlich nicht- und trotzdem sind Comic-Helden amerikanischen Stils beliebter denn je und aus der aktuellen Popkultur kaum wegzudenken. Kürzlich kam der dritte Avengers-Film in die Kinos, brach Besucherrekorde, kostete Unsummen und spielte diese anschließend doppelt und dreifach wieder ein.

Trickle-Down-Fankultur..?

Zombie Cosplayer

Nun stellt sich natürlich die Frage, ob der Popularitätsanstieg von Film- und Serienadaptionen bekannter Werke aus Fantasyliteratur und Superheldencomics sich wirklich auf die jeweiligen Fanszenen in ihrem Umfang und ihrer Akzeptanz in der Gesellschaft ausgewirkt haben. Fangen wegen dem Herrn der Ringe und Game of Thrones tatsächlich mehr Leute an, Tolkien, Martin, Pratchett und Williams zu lesen? Gibt es grundsätzlich mehr Interesse in anderen verwandten Bereichen wie bspw. Trading Card Games, Pen- & Paper- Rollenspielen, CRPGs und Tabletop-Spielen? Sorgen zwei Dutzend aufwendig produzierte und massenhaft konsumierte Superheldenfilme in den letzten 10 Jahren für mehr Besucher auf Comic-Conventions, mehr Cosplayern und mehr verkauften wöchentlichen Comic-Heften?

Aus persönlicher Erfahrung und Beobachtungen in meinem Umfeld würde ich sagen: grundsätzlich ja.

  • Ja, Conventions sind besser besucht.
  • Ja, Tabletopspiele wachsen in Publikum und Vielfalt.
  • Ja, mehr szeneferne Leute spielen Pen- & Paper-Rollenspiele.
  • Und ja, die Leute lesen tatsächlich Bücher.

Und das ist ja auch alles schön und gut, aber...

Du bist immer noch ein Freak!

Cast von "Big Bang Theory"

Denn auch wenn all die oben genannten Interessengebiete einen leichten bis moderaten Zuwachs an Absatz und Verbreitung in der Gesellschaft erfahren haben mögen, so hat sich die allgemeine Wahrnehmung von Fantasy-, Science-Fiction-, Videospiel- und Comic-Fans in der Gesellschaft kaum gebessert.

Ich habe mir schon einige Male die Worte "Freak" und "Nerd" um die Ohren hauen lassen müssen, weil ich mich zu meinen Interessen bekannt habe. Hatten diejenigen, die sie auf diese Weise nutzten eine Ahnung, dass mancher diese Worte als kränkend empfinden mag? Manchmal- meistens jedoch nicht.

Allerdings gerade an dieser Ignoranz nehme ich größeren Anstoß als an gezielter Bosartigkeit.

Der obligatorische Rant

Was mich besonders daran ärgert ist, und das beweisen die Zuschauerzahlen, dass ein Großteil dieser Menschen adaptierte Fantasy-, Science-Fiction- und Superheldencomic-Werke konsumieren. Niemand zwingt sie dazu. Und man mag jetzt natürlich das Argument der Gehirnwäsche durch Marketing bringen, aber schlussendlich kommen gute Adaptionen auch gut an und schlechte verkacken an der Kinokasse. Warum also um alles in der Welt verharren Leute noch auf diesem alten (übrigens schon von vorherein beschissenen, weil diskriminierenden) Weltbild?

Meine beste Vermutung ist, dass wir Menschen uns von festgetretenen Vorurteilen und Stereotypen nur schlecht trennen können. Wir leben als komplexe Wesen in einer komplexen Gesellschaft. Wir schaffen uns Stereotypen, um diese Komplexität auf ein verständliches Niveau herunterzubringen und in unbekannten Situationen mit unbekannten Menschen sozial handlungsfähig zu bleiben. Ob dies die beste Art ist, damit umzugehen, lasse ich einmal dahingestellt. Was diese Strategie aber auf keinen Fall sein sollte, ist eine permanente Art, die Welt um uns und unsere Mitmenschen in ihr zu betrachten, denn dadurch stellt man schlussendlich nur seine eigene Dummheit und Ignoranz zur Schau.

Du magst also gern Game of Thrones? Warum denkst du, dass HBO das Risiko eingegangen ist, die erste Staffel zu produzieren? Keine Ahnung? Ich verrat's dir: weil Millionen von "Freaks" pro Jahr Abermillionen Seiten an Fantasyliteratur lesen und dadurch das gute Zeug an die Oberfläche steigt. Deshalb.

Du findest die Avengers cool? Schön! Freut mich. (Ehrlich jetzt!!) Aber warum zum Geier denkst du, dass eine Comícsammlung im Wohnzimmer "schon etwas sehr speziell" ist?! Wenn Leute nicht über Jahrzehnte das Zeug kilotonnenweise konsumiert hätten, wäre nie das menschliche Talent in die Comicindustrie gesaugt worden, das Comicadaptionen erst so attraktiv für Hollywood gemacht hat.

Was ich sagen will ist: wenn du als Szeneunbedarfter durch die Mainstream-Adaptionen der letzten Jahrzehnte Interesse an der allgemeinen Subkultur um Comics, Fantasy & SciFi gefunden hast, dann bist du stets und mit offenen Armen willkommen; lebe lang und in Frieden!

Aber wenn du zu dumm bist zu verstehen, dass deine Lieblingsfilme und -spiele erst durch uns möglich wurden, dann zieh' lieber ab.

Die nehmen uns unsere Waifus!

Winking Asuka

So, nachdem ich mir das jetzt von der Seele geschrieben habe- kommen wir zu unserem Hauptgang: Anime ist jetzt Mainstream, Baby!

Die Nische der Nische

Jede Subkultur besteht meinem Verständnis nach immer aus diversen weiteren Subkulturen. In der "Geek/Fantasy/SciFi/Nerd/Otaku"-Kultur, die ich (als absolute Autorität) einfach mal als grob(!) aus

  • Cartoon/Comic/Zeichentrick
  • Manga/Anime
  • Fantasy
  • Science Fiction
  • Pen&Paper
  • TCGs
  • Tabletop/Miniaturen
  • Brettspielen
  • Viedeospielen (außer Casual Games)
  • FanFic
  • Cosplay

bestehend definiere, war die Manga- und Anime-Anhängerschaft lange Zeit historisch bedingt immer eine der kleineren Untergruppen. Fantasy und Science-Fictionliteratur nach halbwegs moderner Art existierten in westlichen Kulturkreisen in etwa seit Tolkien und Verne; alles was sich daraus ergab, wie PnPs, TCGs, Tabletops und Comics, folgte dementsprechend ebenfalls früher.

Aber Manga und Anime schwappten erst vergleichsweise spät in den Rest der Welt, nachdem sie sich als Abkömmlinge klassischer Comicstrips und Cartoons im warmen Inselklima des Japans der Nachkriegszeit weiter und weiter zu etwas ganz Eigenem entwickelt hatten...

Als diese Welle dann schließlich Amerika und Europa erreichte und den dortigen Kindern und Jugendlichen plötzlich eine Art "Best of"-Tsunami der vergangenen Jahrzehnte japanischer Comic-Popkultur um die Augen und Ohren fegte, waren die ersten Begeisterten schnell gefunden. Ersten Kontakt mit Anime hatten hier in Deutschland sicherlich viele meiner Altersklasse mit für Kindern produzierten Serien wie Heidi, Sailor Moon, Kickers und natürlich Dragon Ball & Pokemon.

Es dauerte allerdings nicht allzu lange, bis die mittlerweile zu Teenagern herangewachsenen Kinder in den Genuss kommen konnten, so großartige Filme und Serien wie Akira, Prinzessin Mononoke, Cowboy Bebop und Neon Genesis Evangelion zu sehen.

Die ersten Manga, die ich besaß, waren BANZAI!-Manga-Magazine, in denen Kapitel beliebter Serien aus dem japanischen JUMP-Magazin, wie Naruto, Hunter × Hunter, One Piece und Yu-Gi-Oh! abgedruckt wurden.

Ninjas, Piraten und Sammelkarten

Und da haben wir auch schon den Knackpunkt, der meiner Meinung nach maßgebend zur wachsenden Popularität und schließlich dem jüngsten Eintritt von Anime in den Mainstream beigetragen hat.

Viele wuchsen mit Naruto als Begleiter ihrer Teenagerjahre auf, sammelten Yu-Gi-Oh!-Sammelspielkarten und schauten jeden Studio Ghibli-Film, den sie vor die Nase bekamen. Aber keine Serie, kein Film, kein Franchise erreichte die Verbreitung, Popularität und Massentauglichkeit, die Eiichirō Odas Epos um Ruffys Strohhutbande weltweit einfahren konnte.

Was One Piece so großartig macht, dass es der meistverkaufte Manga aller Zeiten geworden ist?

Da bin ich offen gestanden überfragt. Ich habe gut die ersten 30 Bände des Manga gelesen, gelegentlich ein paar Folgen des Anime gesehen und muss sagen:

  • Der Aufstieg einer Piratenbande in einer Welt, in der Piraten oftmals Superkräfte haben ist ein tolles Konzept für einen Shōnen-Manga
  • Alle Figuren (und das gilt nicht nur für die Strohhutbande!) sind extrem liebevoll geschrieben und gestaltet; zu nahezu jeder gibt es eine interessante Hintergrundgeschichte
  • Die Welt ist bunt und ulkig gestaltet, hinter jedem Horizont wartet eine neue, kreativ ausgearbeitete Insel, die neue spannende Situationen und Geschichten bereithält
  • Es ist absoluter Irrsinn, dass diese Serie noch nicht abgeschlossen ist. Das erste Kapitel erschien 1997, die erste Staffel des Anime 1999 und beide werden regelmäßig mit neuen Kapiteln (etwa 40 pro Jahr!) bzw. Folgen versorgt. Allein dafür verdient der Autor tiefsten Respekt.
  • Der Zeichenstil sprüht vor Individualität und Detailverliebtheit

Yo ho ho und ne Buddel voll Geld

Wenn ich also auch die Frage nach dem Warum? nicht gänzlich beantworten kann (denn viele der oben genannten Qualitätsmerkmale gelten ebenso oder leicht abgewandelt auch für andere populäre Serien), so kann ich doch definitiv sagen, dass One Piece den Einzug von Anime in den Mainstream eingeleitet hat. Manga werden, trotz wachsender Popularität, wahrscheinlich noch lange oder gar für immer ein Nischendasein pflegen, aber Anime ist hier, um zu bleiben.

Und warum auch nicht? So viele großartige, leicht zugängliche Geschichten, die noch lange kein so großes Publikum erreicht haben, wie sie es verdienen würden... Hollywood hat diesen Braten schon vor einigen Jahren gerochen und uns solche unglaublichen Meisterwerke wie Dragonball Evolution, Ghost in the Shell (2017) und Alita: Battle Angel beschert. Gut, um fair zu bleiben, Alita ist tatsächlich eine verdammt feine Adaption geworden und überhaupt ist hier insgesamt ein klarer Aufwärtstrend erkennbar.

Dennoch sehe ich einfach nicht viel Sinn in der kommenden Akira-Realverfilmung. Was gibt es hier noch zu erreichen, wenn bereits ein Anime-Film existiert, der zu den besten Filmen(punkt.) aller Zeiten zählt?

Vielleicht muss ich aber auch einfach einsehen, dass dieser Film ganz einfach nicht für mich produziert wird. Ich gehöre als Fan des Originals halt eben nicht zur Zielgruppe, sondern alle anderen, die bisher noch nie von Akira gehört haben...

Es bleibt also die Frage:

Was tun wir also in einer Welt, in der man sich mit Wildfremden, die in den 70ern geboren wurden, ganz zufällig im Smalltalk über Mainstream-Anime unterhalten kann, ohne verwirrte Blicke zu ernten und ihre Kinder im Grundschul- bis Teenageralter nahtlos in die Konversation einsteigen können?

Ich schätze,

  1. den eigenen Minderheitenstolz (mühsam!) herunterschlucken
  2. das übliche Klugscheißen für ein paar Minuten einstellen und
  3. dem potentiellen neuen Otaku ein paar echte Animeklassiker empfehlen.

Das wäre schon einmal ein Anfang... ;-)

Strohhutbande