Weserbeatz-Logo

Schönes Wetter, gute Musik, günstiges Bier

Zum dritten Mal in Folge fand dieses Jahr am 8. Juni das Weserbeatz-Festival in Nienburg statt. Der Besuch des eintägigen Festivals war wie gehabt kostenfrei. Insgesamt würde ich sagen, das Festival hätte besser besucht sein können, wenngleich die Festwiese als gewählte Location doch schon sehr weitläufig ist. Bühne, Equipment, Fress- und Trinkbuden machten einen guten Eindruck und auch die Security war freundlich. Am Nachmittag bekam ich noch ein bisschen von dem Familienprogramm, sowie einigen Gewerkschafts-, Vereins- bzw. Aktionsbündnisständen mit: alles in allem vernünftig.

Prima Bands für lau!

Für mich war es dieses Jahr der erste Besuch des Weserbeatz und wenn ich darüber nachdenke wahrscheinlich überhaupt eines Festivals, das sich hauptsächlich als "Gegen Rechts"-Event darstellt und das Thema Antifaschismus in den Mittelpunkt stellt. Ich hatte zuvor weder über Plakate noch über irgendeine andere Form von Marketing von dem Festival erfahren, was mich im Nachhinein nicht wundert, da für solche Dinge ja schließlich zusätzliches Budget benötigt wird und dieses anscheinend schon in die wichtigen Dinge wie Bühne, Ausstattung und Programm geflossen ist. In den nachfolgenden Tagen sind mir allerdings doch noch hier und da am Straßenrand ein paar Plakate aufgefallen.

Nein, ich hatte das Glück durch die gute alte Mundpropaganda vom Weserbeatz zu erfahren und ich muss sagen: welch ein glücklicher Umstand! Ich wusste somit auch nicht wirklich, welche Bands mich erwarteten.

Um ehrlich zu sein, hatte ich angesichts des Mottos damit gerechnet, eine Punkband nach der anderen zu hören- was im Grunde auch nicht schlecht gewesen wäre. Zu meiner freudigen Überraschung erwartete mich allerdings eine breite Vielfalt von Musikrichtungen! Ich fasse die Bands/Künstler einmal kurz zusammen, die ich mitbekommen habe:

Thore Wittenberg

Zu Thore Wittenberg kam ich leider etwas zu spät. Ich muss allerdings sagen, dass mir gefallen hat, was ich noch von ihm gehört habe. Es ist ein interessantes Konzept, sich allein mit seiner Akustikgitarre auf die Bühne zu stellen und zu klingen wie ein "Singer-Songwriter", der eigentlich lieber Punkrocker wäre. Erfrischend anders!

La Partyzipation

Ich bin Deutschrap ja alles andere als abgeneigt, aber La Partyzipation konnte mich nicht wirklich abholen. Ebenfalls als Einzelkünstler auf der Bühne (dafür natürlich schonmal Hut ab!) und vor einem dünnen Nachmittagspublikum in der mittelweserlichen Provinz, ist das natürlich nicht gerade der dankbarste aller Gigs, aber La Partyzipation konnte mich einfach nicht packen. Ich habe seinen Auftritt dann als Gelegenheit dafür genutzt, den Picknickgrill anzuschmeißen.

Magical Creatures

Das Duo Magical Creatures war mein persönliches Highlight des Festivals. Bestehend aus einem Keyboard-/Synthesizer-Spieler und einer Sängerin schafften sie es, die sonnenlichtgeflutete Festwiese für eine Dreiviertelstunde in einen magischen Sommernachmittagstraum zu verwandeln. Manchmal braucht es einfach nicht mehr als eine schöne Gesangsstimme und eine paar knackige Retroklänge. Weil sie mir so gut gefielen, bekommen die beiden sogar zwei Videos verlinkt:

Forkupines

Die Forkupines sind sind eine Band aus Braunschweig, bei der ich schwören könnte, dass ich ihren Bassisten schon irgendwo einmal gesehen habe...

Aber das nur nebenbei- die Jungs haben ein mehr als brauchbares Set hingelegt, ihre Musik hat gefetzt und ich würde sie mir definitiv gerne wieder live anhören.

"Forkupines"... "Forkupines"... wären das nicht... "Gabelschweine"..?!

ZSK - die Headliner

Ah- na wenn's keine richtige Punkband gegeben hätte, dann wäre ich ja irgendwie auch enttäuscht gewesen. Musikalisch fand ich die Jungs ganz hervorragend, das Publikum war zu ihrem Auftritt auch schon deutlich umfangreicher geworden und vor der Bühne war auch tatsächlich gut was los. Zusätzlich haben sie auch ein bisschen Publikumsbeteiligung mit in dem Mix geworfen, was einem guten Auftritt nie schaden kann. Ulkigerweise waren es tatsächlich einige ihrer Texte, die mich ein bisschen ins Grübeln gebracht haben und schlussendlich das Zünglein an der Waage waren, diesen Artikel dann doch zu schreiben. Ich komme später noch dazu. Hier ist erstmal eines ihrer inhaltlich harmloseren, aber dennoch sehr hörenswerten Lieder:

★JINX★

Ach JINX, ich kann schon gar nicht mehr sagen, wie oft ich euch live gesehen habe. Ich habe es mir so gut wie nie vorgenommen, aber dadurch dass ihr anscheinend gern in Nienburg auftretet, vor allem beim Altstadtfest auf der Burn-Out-Bühne, bin ich schon oft ungeplant in den Genuss gekommen, mir eure Songs anzuhören und eure energiegeladenen Bühnenauftritte ansehen zu dürfen. Und ganz ehrlich: mir hat's immer gefallen! Dieses Mal war ich leider schon ein bisschen platt, aber hey- ich hab gesehen, dass bei euch vor der Bühne immer noch genug los war. Ich hoffe, ich seh' euch bald wieder- in Nienburg seid ihr (und das anscheinend nicht nur von mir) stets willkommen!

Fazit zum Weserbeatz-Festival

Mir hat es verdammt gut gefallen und ich werde mir das Weserbeatz für nächstes Jahr schon einmal vormerken. Die Message und Aufmachung haben mir gut gefallen; ebenso die Möglichkeit sich für 1,50€ kaltes Astra an der Pommesbude zu kaufen. Für alle, die ich interessieren konnte: die Weserbeatz-Homepage der Rockini-Nienburg.

"Der Hauptgang"

Alerta, alerta

oder: warum ich mich -mittlerweile schon fast einen Monat nach dem Festival- tatsächlich nochmal vor den Laptop setze, um einen Text über meinen Tag auf dem Weserbeatz und die Gedanken, die mir seitdem im Kopf kreisen, zu schreiben.

Alerta, Alerta

Na gut. Dass in der Kleinstadt Nienburg keine Menschenmassen zu mobilisieren sind, wenn man sich hauptsächlich als "Gegen Rechts"-Festival verkauft und vielleicht zusätzlich das Marketingbudget nicht so fett sein mag, verwundert mich jetzt gar nicht mal sonderlich. Weniger weil ich glaube, dass Nienburg ein verkapptes Rechtennest ist, sondern weil ich glaube, dass die Leute grundsätzlich

  • faul,
  • politisch unmotiviert und
  • leicht einzuschüchtern

sind. Es liegt nicht daran, dass eure Bands kacke sind- ganz im Gegenteil! Ich denke es liegt unter anderem daran, dass die deutsche Antifa einfach überhaupt keinen Bezug zum Durschnittsdeutschen hat.

Hamburg, wir sind tausende

Hamburg, könnt ihr uns hören?

Hamburg, könnt ihr uns sehen?

Hamburg, wir sind tausende

Es ist Zeit durchzudrehen

-- aus: ZSK - Hamburg 2017

Tja... was soll ich sagen, ZSK? Ich glaube, ihr könnt beruhigt sein, sowohl Hamburg als auch der Rest der Bundesrepublik haben die Antifa vorletztes Jahr bestens gehört und gesehen.

Ich wage nur zu bezweifeln, ob das wirklich so sachdienlich war. Nur einmal angenommen, dass es euch mit dem Antifaschismus so ernst ist, wie ihr es euch auf die Fahnen schreibt, dann sollte euch ja eigentlich daran gelegen sein, dass es weniger Neonazis, Rechtsextreme, Rechtsalternative und Identitäre gibt und nicht mehr.

Klar, mehr Neonazis würden natürlich auch mehr potenzielle Ziele zum "Glatzen klatschen" bedeuten...

da muss man schon abwägen...

Aber mal im Ernst: ich glaube ja grundsätzlich an eine ideologische Überlegenheit der Linken über die Rechte. Ich finde Toleranz, Menschlichkeit und soziale Gerechtigkeit sind Themen, die eigentlich gar nicht diskutiert werden müssten, weil ihr inhärenter Wert einem jeden klar sein sollten.

Ist nicht der Fall, weiß ich- leider leben wir in keiner Utopie, sondern in einer Welt gepflastert mit Idioten. Das allerdings hat nicht zu heißen, dass wir uns ebenfalls wie solche benehmen müssen, um uns Gehör zu verschaffen. Unsere Argumente sind die besseren. Und trotzdem wird uns das nicht viel helfen, wenn wir die Leute so abschrecken, dass sie uns nicht mal mehr zuhören wollen.

Um noch einen anderen Abschnitt aus einem ZSK-Song zu zitieren:

"Die ganze Republik schreit auf, wenn hier ein Auto brennt

Ein Brandanschlag aufs Flüchtlingsheim, dann wars ja nur ein Mensch"

--aus: ZSK - Make Racists Afraid Again

Wisst ihr- ihr seid so nah dran. Da steckt eine ganze Menge Wahrheit in diesen zwei Zeilen. Und natürlich habt ihr Recht- wenn der schwarze Block in Hamburg Autos von Bürgern oder Polizei anzündet und Läden plündert, dann ist der Aufschrei groß. Zündet irgendeine Glatze ein Flüchtlingsheim an, dann ist der Aufschrei auch da... aber halt eben nicht ganz so groß.

Ist das empörlich? Jep. Ist das widerwärtig? Jep. Ist das Deutschland? Leider ebenfalls: jep.

Das Traurige ist halt nur: keine Hassparolen gegen Neonazis, keine "Fick die AfD!"-Banner und vor allem keine Sachbeschädigung von Gemeinschafts- oder Privateigentum, sowie Gewaltstraftaten gegen Uniformierte oder Neonazis werden daran irgendetwas ändern. Ihr schadet damit- und das ist meine tiefe Überzeugung- der Bewegung um die Ideale, die ihr behauptet zu vertreten.

Deutschland 2019 ist kein faschistischer Staat

Wird uns der Kapitalismus in den kommenden Jahrzehnten böse in den Arsch beißen? Hat meiner Meinung nach schon angefangen. Kommt große politische Unruhe auf Grund der [Tagesschau-Sprecherton]"...immer weiter klaffenden Schere zwischen Arm und Reich..." auf uns zu? Hat meiner Einschätzung nach ebenfalls bereits begonnen. Müssen wir uns Sorgen um unsere Kinder machen? Tja also, da haben wir unseren Einsatz vielleicht etwas verpennt... das machen die mittlerweile schon selbst.

Aber: hat sich unsere Regierung selbst "gewählt"? Nein, dazu sind wir bisher immer noch selbst dumm genug gewesen. Planen wir demnächst in Polen oder Frankreich einzumarschieren? Nein, sonst hätten wir in diesem Jahrzehnt wohl kaum einem solchen Dreamteam der Inkompetenz die Befehlsgewalt über unsere Streitkräfte überlassen:

Wir feiern 9 Jahre Wehrzersetzung!

Und begehen wir wieder Völkermord? Jein- zumindest nicht mehr als unsere Nachbarn.

Kein Punksong ist laut genug für verschlossene Herzen

Liebe Antifa,

wenn euch eure Nachricht also wichtiger ist, als eure Methoden, dann denkt an euer Publikum. Und so, wie ich es einschätze, seht ihr dieses bisher hauptsächlich in der extremen Rechten. Eure Aufmärsche gelten ihren Aufmärschen, eure Parolen ihrem Irrglauben und eure Taten ihren Repräsentanten.

Aber vertut euch nicht- der Rest Deutschlands schaut dem ganzen Spiel gebannt zu, denn Gewalt erregt immer Aufmerksamkeit. Mal mehr, mal weniger- aber sobald Blut fließt oder Rauch aufsteigt, gafft und echauffiert sich der Deutsche gern. Und da Gewalt in der breiten Gesellschaft- zum Glück(!)- immer noch negativ konnotiert ist, macht ihr damit unsere Position für die Mehrheit der Bevölkerung unattraktiver.

Nicht zu vergessen ist, dass ihr den Pegida-Aktivisten und AfD-Wählern ein Stück Pseudoargumentation mehr liefert, das sie in den Augen des deutschen Michels etwas weniger wie die rassistischen Idioten scheinen lässt, die sie wirklich sind.

Ich kann JEDEM nur einmal wärmstens empfehlen, sich diese sechseinhalb Minuten hier anzusehen. Hintergrund ist der Mord an Walter Lübcke. Was manche Leute so bereit sind, vor laufender Kamera von sich zu geben, lässt einem manchmal echt das Kinn aufs Pflaster aufschlagen.

Das ist gefährlich. Und das sollte auch euch klar sein. Denn ihr werdet mit eurer Überzeugung und vor allem eurem Grad an Engagement immer eine Minderheit bleiben. Das Beste, was ihr im Grunde genommen erreichen könnt, ist ein allgemeines Kippen der deutschen Politik in eine sozialdemokratischere Richtung, weg von diesem entmenschlichenden Neoliberalismus. Gut, nicht dass man sich da auf die SPD als Partei verlassen könnte, aber ich beschreibe ja auch gerade eine Utopie.

Was ich sagen will ist: ihr wollt keinen Staat zum Feind haben, vor allem wenn es der Staat eures Heimatlandes ist. Ihr wollt auch nicht aktiv von diesem Staat als Staatsfeinde verfolgt werden und ihr wollt auch nicht, dass diese Verfolgung von breiten Teilen der Bevölkerung unterstützt wird. Und aus allertiefstem Herzen hoffe ich, dass ihr auch nicht wollt, was das mit euch machen würde.

Ich will nicht bestreiten, dass Gewalt ein Mittel zur akuten Konfliktbeendigung sein kann. Das gilt meiner Auffassung nach im Kleinen und wird uns im Großen von Nationen vorgelebt. Nur sollte sie immer das aller-ALLER-letzte Mittel sein und wer gern zu ihr greift, ohne zuvor alle anderen Optionen ausgeschöpft zu haben, der muss sich halt eingestehen, dass er einfach ein bisschen gewalttätig ist und sich vor allem gern etwas austoben will.

Solltet ihr euch da jetzt wiedererkennen können: Alles cooool, kein Probleeeem...

Aber dann nur so als kleiner Tipp am Rande: dafür braucht man doch nun wirklich nicht diese ganze lästige Ideologie... für solche wie euch gibt's doch schließlich Fußball ;-)

So. Damit sind dann nun wahrscheinlich auch die letzten erfolgreich angepisst, daher gibt es nun zur Versöhnung ein bisschen Jarvis Cocker.

Küsschen.

Vielleicht ist es euch innerhalb der letzten Monate ebenfalls aufgefallen: Anime ist ist jetzt Mainstream.

Wie konnte es dazu kommen?

Anschnallen, bitte!

Kindheitsträume

Frodo

Eigentlich sollte man meinen, wir leben in einem goldenem Zeitalter für Freunde fantastischer Fiktion. Du standest schon immer auf Fantasy? Bäm! Die 2000er gaben uns die von Kritikern und Publikum geliebten "Herr der Ringe"-Filme. Eine Filmreihe, sie alle zu Rucksacktouristen in Neuseeland zu machen!

Du hast Ende der 90er gern Harry Potter gelesen? Bäm! Hollywood haut dir gleich eine ganze Ladung Multimillionen-Spielfilme um die Ohren! Noch nicht genug?

Kein Problem- hier sind die 2010er und, verdammt nochmal, GAME OF THRONES!! Eine Low-Fantasy aber High-Budget-Fernsehserie, basierend auf einer gewichtigen Romanreihenvorlage, die hauptsächlich aus Erzählungen um komplexe politische Intrigen in einer feudalen Fantasiewelt besteht, die von sehr kompetent geschriebenen Figuren bevölkert ist. Hätte mir jemand in den 90ern als Kind erzählt, dass

  1. ich das alles nicht nur selbst haben kann, sondern
  2. auf einmal jeder so etwas haben will, INKLUSIVE unserer Mütter und
  3. da richtig viel Geld reingesteckt werden wird, sodass die Produktionsqualität tatsächlich etwas taugt,

ich hätte es NIEMALS geglaubt; einfach zu schön, um war zu sein..!

Bunte Seiten, wilde Geschichten

Lobo / Maske

Ich habe in den 90ern auch angefangen Comics zu lesen. Anfangs waren es das "Micky Maus Magazin" und Disney's "Lustiges Taschenbuch" mit ihren Abenteuern um Mickey, Donald und Entenhausen. Später schwenkte ich dann zu DC-Comics um und fand viel Gefallen an Figuren wie Batman's Widersacher Bane oder dem versifften Antihelden Lobo. Warum Schurken, Gewalt, Knarren und spärlich bekleidete weibliche Figuren für Teenagerjungs faszinierend sind, wird wohl auf ewig ein Mysterium bleiben...

*räusper*

...aber es war auch nicht alles Schund. Als ich dann deutlich später auf einige ältere Comics aus den 80ern und Anfang-90ern stieß, die -zugegebenermaßen- auch für ein älteres Publikum geschrieben waren, wurde mir dann auch klar, dass Comics weit mehr sein können, als Guilty Pleasure für Teenager oder harmlose Fabeln für Kinder.

(Anm.: ein paar ausgesuchte Empfehlungen inkl. neuerer Comics: Batman-TDKR, Watchmen, Saga, Y: The Last man, V wie Vendetta, Sandman)

Nicht erst seit dem dunklen Ritter

Szene aus V wie Vendetta

Comicbuch-Verfilmungen und Superheldenfilme sind kein so junges Phänomen oder Genre, wie man vielleicht gegenwärtig glauben könnte. Große öffentliche Aufmerksamkeit und weitreichend positive Rezeption erlangte das Genre sicherlich erst Ende der 2000er durch Christopher Nolans zweiten Teil seiner Batman-Trilogie The Dark Knight, aber wenn man zurückblickt, dann brachten auch die 80er, 90er und frühen 2000er einige gute Comicverfilmungen. Zugegebenermaßen war es vielleicht bei manchen nicht mehr wirklich erkennbar, dass es sich um eine Comicbuchverfilmung handelt, entweder weil das Quellmaterial zu sehr "verhollywoodifiziert" wurde oder von Anfang an zu unbekannt war, aber nichtsdestotrotz bekamen wir noch vor Nolans Batman-Epos:

Avengers assemble!

Nach Nolans dunklem Ritter und Iron Man (2008), dem ersten Film dessen, was einmal das Marvel Cinematic Universe rund um die Avengers werden sollte, war es dann allerdings geschehen und Comicbuchfilme wurden DAS dominante Genre der Hollywood-Big-Budget-Blockbuster der 2010er.

Hat das irgendwer in den 90ern geahnt?

Wahrscheinlich nicht- und trotzdem sind Comic-Helden amerikanischen Stils beliebter denn je und aus der aktuellen Popkultur kaum wegzudenken. Kürzlich kam der dritte Avengers-Film in die Kinos, brach Besucherrekorde, kostete Unsummen und spielte diese anschließend doppelt und dreifach wieder ein.

Trickle-Down-Fankultur..?

Zombie Cosplayer

Nun stellt sich natürlich die Frage, ob der Popularitätsanstieg von Film- und Serienadaptionen bekannter Werke aus Fantasyliteratur und Superheldencomics sich wirklich auf die jeweiligen Fanszenen in ihrem Umfang und ihrer Akzeptanz in der Gesellschaft ausgewirkt haben. Fangen wegen dem Herrn der Ringe und Game of Thrones tatsächlich mehr Leute an, Tolkien, Martin, Pratchett und Williams zu lesen? Gibt es grundsätzlich mehr Interesse in anderen verwandten Bereichen wie bspw. Trading Card Games, Pen- & Paper- Rollenspielen, CRPGs und Tabletop-Spielen? Sorgen zwei Dutzend aufwendig produzierte und massenhaft konsumierte Superheldenfilme in den letzten 10 Jahren für mehr Besucher auf Comic-Conventions, mehr Cosplayern und mehr verkauften wöchentlichen Comic-Heften?

Aus persönlicher Erfahrung und Beobachtungen in meinem Umfeld würde ich sagen: grundsätzlich ja.

  • Ja, Conventions sind besser besucht.
  • Ja, Tabletopspiele wachsen in Publikum und Vielfalt.
  • Ja, mehr szeneferne Leute spielen Pen- & Paper-Rollenspiele.
  • Und ja, die Leute lesen tatsächlich Bücher.

Und das ist ja auch alles schön und gut, aber...

Du bist immer noch ein Freak!

Cast von "Big Bang Theory"

Denn auch wenn all die oben genannten Interessengebiete einen leichten bis moderaten Zuwachs an Absatz und Verbreitung in der Gesellschaft erfahren haben mögen, so hat sich die allgemeine Wahrnehmung von Fantasy-, Science-Fiction-, Videospiel- und Comic-Fans in der Gesellschaft kaum gebessert.

Ich habe mir schon einige Male die Worte "Freak" und "Nerd" um die Ohren hauen lassen müssen, weil ich mich zu meinen Interessen bekannt habe. Hatten diejenigen, die sie auf diese Weise nutzten eine Ahnung, dass mancher diese Worte als kränkend empfinden mag? Manchmal- meistens jedoch nicht.

Allerdings gerade an dieser Ignoranz nehme ich größeren Anstoß als an gezielter Bosartigkeit.

Der obligatorische Rant

Was mich besonders daran ärgert ist, und das beweisen die Zuschauerzahlen, dass ein Großteil dieser Menschen adaptierte Fantasy-, Science-Fiction- und Superheldencomic-Werke konsumieren. Niemand zwingt sie dazu. Und man mag jetzt natürlich das Argument der Gehirnwäsche durch Marketing bringen, aber schlussendlich kommen gute Adaptionen auch gut an und schlechte verkacken an der Kinokasse. Warum also um alles in der Welt verharren Leute noch auf diesem alten (übrigens schon von vorherein beschissenen, weil diskriminierenden) Weltbild?

Meine beste Vermutung ist, dass wir Menschen uns von festgetretenen Vorurteilen und Stereotypen nur schlecht trennen können. Wir leben als komplexe Wesen in einer komplexen Gesellschaft. Wir schaffen uns Stereotypen, um diese Komplexität auf ein verständliches Niveau herunterzubringen und in unbekannten Situationen mit unbekannten Menschen sozial handlungsfähig zu bleiben. Ob dies die beste Art ist, damit umzugehen, lasse ich einmal dahingestellt. Was diese Strategie aber auf keinen Fall sein sollte, ist eine permanente Art, die Welt um uns und unsere Mitmenschen in ihr zu betrachten, denn dadurch stellt man schlussendlich nur seine eigene Dummheit und Ignoranz zur Schau.

Du magst also gern Game of Thrones? Warum denkst du, dass HBO das Risiko eingegangen ist, die erste Staffel zu produzieren? Keine Ahnung? Ich verrat's dir: weil Millionen von "Freaks" pro Jahr Abermillionen Seiten an Fantasyliteratur lesen und dadurch das gute Zeug an die Oberfläche steigt. Deshalb.

Du findest die Avengers cool? Schön! Freut mich. (Ehrlich jetzt!!) Aber warum zum Geier denkst du, dass eine Comícsammlung im Wohnzimmer "schon etwas sehr speziell" ist?! Wenn Leute nicht über Jahrzehnte das Zeug kilotonnenweise konsumiert hätten, wäre nie das menschliche Talent in die Comicindustrie gesaugt worden, das Comicadaptionen erst so attraktiv für Hollywood gemacht hat.

Was ich sagen will ist: wenn du als Szeneunbedarfter durch die Mainstream-Adaptionen der letzten Jahrzehnte Interesse an der allgemeinen Subkultur um Comics, Fantasy & SciFi gefunden hast, dann bist du stets und mit offenen Armen willkommen; lebe lang und in Frieden!

Aber wenn du zu dumm bist zu verstehen, dass deine Lieblingsfilme und -spiele erst durch uns möglich wurden, dann zieh' lieber ab.

Die nehmen uns unsere Waifus!

Winking Asuka

So, nachdem ich mir das jetzt von der Seele geschrieben habe- kommen wir zu unserem Hauptgang: Anime ist jetzt Mainstream, Baby!

Die Nische der Nische

Jede Subkultur besteht meinem Verständnis nach immer aus diversen weiteren Subkulturen. In der "Geek/Fantasy/SciFi/Nerd/Otaku"-Kultur, die ich (als absolute Autorität) einfach mal als grob(!) aus

  • Cartoon/Comic/Zeichentrick
  • Manga/Anime
  • Fantasy
  • Science Fiction
  • Pen&Paper
  • TCGs
  • Tabletop/Miniaturen
  • Brettspielen
  • Viedeospielen (außer Casual Games)
  • FanFic
  • Cosplay

bestehend definiere, war die Manga- und Anime-Anhängerschaft lange Zeit historisch bedingt immer eine der kleineren Untergruppen. Fantasy und Science-Fictionliteratur nach halbwegs moderner Art existierten in westlichen Kulturkreisen in etwa seit Tolkien und Verne; alles was sich daraus ergab, wie PnPs, TCGs, Tabletops und Comics, folgte dementsprechend ebenfalls früher.

Aber Manga und Anime schwappten erst vergleichsweise spät in den Rest der Welt, nachdem sie sich als Abkömmlinge klassischer Comicstrips und Cartoons im warmen Inselklima des Japans der Nachkriegszeit weiter und weiter zu etwas ganz Eigenem entwickelt hatten...

Als diese Welle dann schließlich Amerika und Europa erreichte und den dortigen Kindern und Jugendlichen plötzlich eine Art "Best of"-Tsunami der vergangenen Jahrzehnte japanischer Comic-Popkultur um die Augen und Ohren fegte, waren die ersten Begeisterten schnell gefunden. Ersten Kontakt mit Anime hatten hier in Deutschland sicherlich viele meiner Altersklasse mit für Kindern produzierten Serien wie Heidi, Sailor Moon, Kickers und natürlich Dragon Ball & Pokemon.

Es dauerte allerdings nicht allzu lange, bis die mittlerweile zu Teenagern herangewachsenen Kinder in den Genuss kommen konnten, so großartige Filme und Serien wie Akira, Prinzessin Mononoke, Cowboy Bebop und Neon Genesis Evangelion zu sehen.

Die ersten Manga, die ich besaß, waren BANZAI!-Manga-Magazine, in denen Kapitel beliebter Serien aus dem japanischen JUMP-Magazin, wie Naruto, Hunter × Hunter, One Piece und Yu-Gi-Oh! abgedruckt wurden.

Ninjas, Piraten und Sammelkarten

Und da haben wir auch schon den Knackpunkt, der meiner Meinung nach maßgebend zur wachsenden Popularität und schließlich dem jüngsten Eintritt von Anime in den Mainstream beigetragen hat.

Viele wuchsen mit Naruto als Begleiter ihrer Teenagerjahre auf, sammelten Yu-Gi-Oh!-Sammelspielkarten und schauten jeden Studio Ghibli-Film, den sie vor die Nase bekamen. Aber keine Serie, kein Film, kein Franchise erreichte die Verbreitung, Popularität und Massentauglichkeit, die Eiichirō Odas Epos um Ruffys Strohhutbande weltweit einfahren konnte.

Was One Piece so großartig macht, dass es der meistverkaufte Manga aller Zeiten geworden ist?

Da bin ich offen gestanden überfragt. Ich habe gut die ersten 30 Bände des Manga gelesen, gelegentlich ein paar Folgen des Anime gesehen und muss sagen:

  • Der Aufstieg einer Piratenbande in einer Welt, in der Piraten oftmals Superkräfte haben ist ein tolles Konzept für einen Shōnen-Manga
  • Alle Figuren (und das gilt nicht nur für die Strohhutbande!) sind extrem liebevoll geschrieben und gestaltet; zu nahezu jeder gibt es eine interessante Hintergrundgeschichte
  • Die Welt ist bunt und ulkig gestaltet, hinter jedem Horizont wartet eine neue, kreativ ausgearbeitete Insel, die neue spannende Situationen und Geschichten bereithält
  • Es ist absoluter Irrsinn, dass diese Serie noch nicht abgeschlossen ist. Das erste Kapitel erschien 1997, die erste Staffel des Anime 1999 und beide werden regelmäßig mit neuen Kapiteln (etwa 40 pro Jahr!) bzw. Folgen versorgt. Allein dafür verdient der Autor tiefsten Respekt.
  • Der Zeichenstil sprüht vor Individualität und Detailverliebtheit

Yo ho ho und ne Buddel voll Geld

Wenn ich also auch die Frage nach dem Warum? nicht gänzlich beantworten kann (denn viele der oben genannten Qualitätsmerkmale gelten ebenso oder leicht abgewandelt auch für andere populäre Serien), so kann ich doch definitiv sagen, dass One Piece den Einzug von Anime in den Mainstream eingeleitet hat. Manga werden, trotz wachsender Popularität, wahrscheinlich noch lange oder gar für immer ein Nischendasein pflegen, aber Anime ist hier, um zu bleiben.

Und warum auch nicht? So viele großartige, leicht zugängliche Geschichten, die noch lange kein so großes Publikum erreicht haben, wie sie es verdienen würden... Hollywood hat diesen Braten schon vor einigen Jahren gerochen und uns solche unglaublichen Meisterwerke wie Dragonball Evolution, Ghost in the Shell (2017) und Alita: Battle Angel beschert. Gut, um fair zu bleiben, Alita ist tatsächlich eine verdammt feine Adaption geworden und überhaupt ist hier insgesamt ein klarer Aufwärtstrend erkennbar.

Dennoch sehe ich einfach nicht viel Sinn in der kommenden Akira-Realverfilmung. Was gibt es hier noch zu erreichen, wenn bereits ein Anime-Film existiert, der zu den besten Filmen(punkt.) aller Zeiten zählt?

Vielleicht muss ich aber auch einfach einsehen, dass dieser Film ganz einfach nicht für mich produziert wird. Ich gehöre als Fan des Originals halt eben nicht zur Zielgruppe, sondern alle anderen, die bisher noch nie von Akira gehört haben...

Es bleibt also die Frage:

Was tun wir also in einer Welt, in der man sich mit Wildfremden, die in den 70ern geboren wurden, ganz zufällig im Smalltalk über Mainstream-Anime unterhalten kann, ohne verwirrte Blicke zu ernten und ihre Kinder im Grundschul- bis Teenageralter nahtlos in die Konversation einsteigen können?

Ich schätze,

  1. den eigenen Minderheitenstolz (mühsam!) herunterschlucken
  2. das übliche Klugscheißen für ein paar Minuten einstellen und
  3. dem potentiellen neuen Otaku ein paar echte Animeklassiker empfehlen.

Das wäre schon einmal ein Anfang... ;-)

Strohhutbande