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Selbst eine Schriftart am Computer zu erstellen, war schon lange ein kleiner Traum von mir, ähnlich wie es vor 25 Jahren das Schreiben eigener Programme und die digitale Bildbearbeitung waren. Manchmal braucht es einfach nur den richtigen Anstoß und den richtigen Mitstreiter, um ein solches Unterfangen anzugehen.

Und genau diese Gelegenheit bot sich mir Anfang letzten Jahres.

It's dangerous to go alone

Vor gut einem Jahr fand sich Melanie Kuhl mit der Aufgabe konfrontiert, für das Buch 10 Jahre Bühne Cipolla einen Comic aus dem Konzeptmaterial und den Bühnenfotos des Stücks Aufzeichnungen aus dem Kellerloch zu erstellen. Bildmaterial war somit bereits vorhanden... allerdings wollte sie nur ungern auf eine der vielen bereits verfügbaren "Standard"-Comic-Schriftarten aus dem Internet zurückgreifen, um dem Ganzen eine etwas persönlichere Note zu geben.

Sie tat also, was jeder vernunftbegabte Mensch tun würde, der sich nicht dem Irrsinn der IT verschrieben hat... und wandte sich an den "Computertypen" ihres Vertrauens.
Also mich.

Von der Idee begeistert (und bereits mit reichlich Erfahrung bei der Erstellung von Vektorgrafiken ausgestattet), erarbeitete ich einen kleinen Schlachtplan, wie sich das Projekt "Comicschriftart" zeitnah bewältigen ließe.

Schritt für Schritt, Buchstabe für Buchstabe

Handgeschriebene Buchstaben

Ich schlug ihr als ersten Schritt vor, sie solle (als hauptsächlich analog arbeitende Künstlerin) den ASCII-Zeichensatz, sowie die Umlaute und das Eszett sauber und ordentlich auf Papier schreiben und anschließend einscannen. Daraufhin zeigte ich ihr, wie sie mit Inkscape die Buchstaben digital nachzeichnen konnte. Die resultierenden Vektorgrafiken gingen dann wiederum an mich und nach etwas Nachbearbeitung wanderten sie anschließend in FontForge, um eine Schriftart zu bilden.

Screenshot von FontForge

Anfangs war das auch noch erstaunlich simpel und wir waren beide überrascht, wie schnell ich aus den einzelnen Großbuchstaben (welche als erste fertig waren), eine grundlegend benutzbare Schriftart zusammengezimmert bekam.

"Unterschneidung"?! "Ligaturen"?!

Da meine professionellen Wurzeln allerdings in der Softwareentwicklung liegen und nicht im Buchdruck, musste ich zwar erst einmal etwas digitale Nachhilfe in Anspruch nehmen, doch nach und nach begannen die Dinge etwas mehr Sinn zu ergeben. Mit jedem bisschen Dazugelerntem wuchs die Schriftart weiter. Und sie bekam auch einen Namen: "Nekophilia"

FontForge

FontForge stellte sich als mächtiges Stück Software heraus, dessen beste Funktionen allerdings hinter gut versteckten Menüeinträgen verborgen liegen. Sicherlich mag seine Funktionsweise für eingefleischte Nutzer (FontForge existiert bereits seit 23 Jahren) oder professionelle Schriftdesigner intuitiver wirken, aber ich brauchte erst einmal eine Weile, um alle Kniffe herauszufinden, die ich für die Fertigstellung von Nekophilia benötigen sollte.

FontForge ist bezüglich seiner Komplexität zwar nicht mit Blender vergleichbar, aber Blender verfügt andererseits auch über eine deutlich größere Nutzergemeinschaft und somit auch mehr im Netz verfügbares Tutorialmaterial.

Hinzu kommt, dass man FontForge (wie Blender übrigens auch) ganz hervorragend falsch bedienen kann, wenn man lediglich über das "gefährliche Halbwissen" eines Novizen verfügt. So musste ich bspw. recht bald herausfinden, dass sich ein "paarweises" Kerning sehr schnell sehr negativ auf die Performance und Arbeitsgeschwindigkeit auswirken kann. Und so machte ich mir dann notgedrungen die Mühe, auf klassenbasiertes Kerning umzusteigen. Manche Dinge muss man wohl auf die harte Tour lernen...

Klassenbasiertes Kerning in Fontforge

Schwarz auf Weiß

Nach diversen Wirren und doppelt verrichteter Arbeit kam es dann schließlich allerdings zum heiß erwarteten Moment: die Deadline für den Comic-Druck nahte, alles wurde rechtzeitig fertig, die Comicseiten gingen als PDF zum Druck raus und... es ging alles auf Anhieb glatt! Nekophilia bestand seine Feuertaufe und wurde gedrucktes Wort.

Telefonbuchpostkarten

Doch hier endete die Geschichte von Nekophilia noch nicht! Melanie und ich nutzten die Schriftart weiterhin in unserer schriftlichen Korrespondenz und Monat um Monat wurde an immer mehr Unterschneidungen und kleineren optischen Makeln gefeilt. Schließlich hatte ich den irrsinnigen Einfall, Emojis in den Zeichensatz einzuführen. Bis heute bin ich mir noch nicht so ganz sicher, ob das wirklich eine so gute Idee war, denn hat man erst einmal damit angefangen...

Gesichter von Nekophilia

Nun, was soll ich sagen: mittlerweile sind es schon 190(!) Emojis.

Tendenz steigend.

Veröffentlichung und Zukunft

Nekophilia ist hiermit offiziell veröffentlicht. Ich habe sogar eine eigene Webseite erstellt, auf welcher die Schriftart kostenfrei heruntergeladen werden kann. Was bringt also die Zukunft? Abgesehen von kleineren Korrekturen und Unterschneidungsanpassungen sehe ich noch Wachstumspotenzial, was die Anzahl der Emojis betrifft. Sicher, 190 sind schon eine ganze Menge! Aber der Unicode-Zeichensatz beinhaltet einfach noch deutlich mehr.

Ich wünsche jedenfalls schon einmal viel Spaß dabei, Nekophilia auszuprobieren!

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