Die letzten Minuten von SGDQ 2019

Alle (halbe) Jahre wieder...

...finden sich sich für eine Woche, meint in diesem Fall tatsächlich grob 170 Stunden am Stück, ein bunt gemischtes Publikum aus Event-Organisatoren, Videospielenthusiasten, Gaming-Ausnahmetalenten, sowie Freunden & Familien zum "Games Done Quick"-Speedrunning-Spendenmarathon ein. Im Sommer heißt das Event "SGDQ 20xx" (Summer Games Done Quick) und im Winter "AGDQ 20xx" (Awesome Games Done Quick), die Abläufe bleiben jedoch im Grunde die gleichen: vorab können sich Runner mit ihren jeweiligen Speedruns anmelden, ein Komitee wählt daraus ein Programm aus, mit dem es sieben Tage füllt und alles wird sowohl vor Live-Publikum als auch durchgehend per Stream bei Twitch übertragen und anschließend als VODs und Youtube-Videos hochgeladen.

Achja, und es wird dabei gespendet. Im Winter für die Prevent Cancer Foundation, eine amerikanische Stiftung zur Förderung von Krebsvorsorge und im Sommer für Ärzte ohne Grenzen. Wieviel da zusammenkommt? Also seit dem ersten GDQ-Event 2010... so insgesamt knapp 22,4 Mio. $. Davon allein gut 3 Mio. bei der jüngsten SGDQ Ende Juni.

Diese Events sind seit ihrem Entstehen vor nicht einmal ganz einem Jahrzehnt stetig am wachsen. Jedes Jahr werden neue Spendenrekorde erzielt, die Produktionsqualität ist besser als so manches, was im Fernsehen ausgestrahlt wird und zusätzlich zum Live-Publikum ziehen sie mehrere Hunderttausend Zuschauer im Netz an, ganz zu schweigen von nachträglichen Views auf Twitch & Youtube.

Speedrunning beginnt langsam aus sich aus einer der vielen Nischen der Videospielwelt zu erheben, so wie es das E-Sports vor 10 Jahren im großen Stil taten. Wenn Turniere und Ligen wie The International, die ESL und die WCS ein Publikum bedienen, dass sich bei klassischen Sportarten vielleicht bei Fuß-, Basket- oder American-Football-Turnieren und Ligaspiel-Übertragungen finden würde, so haben Speedrunning-Events eher ein bisschen etwas von Olympia. Es läuft tagelang mehr oder weniger am Stück, man bekommt viele verschiedene "Sportarten" zu sehen und die "Athleten" streben nach persönlichen Bestleistungen und -natürlich im Idealfall- einem Weltrekord.

Dieser Vergleich hinkt natürlich mächtig, kann aber dennoch vielleicht helfen, den Unterschied zwischen "klassischem" E-Sport und Speedrunning zu verdeutlichen.

Gotta go fast

sanic

Die Gründe für die wachsende Popularität von Speedrunning bei Zuschauern dürften so zahlreich und divers wie die Videospiele selbst sein. Für die einen macht das Streben der Runner nach Perfektion wahrscheinlich den Reiz aus; die Faszination Spiele -und vor allem schwierige- meisterhaft gespielt zu sehen. Da in der Speedrunningszene oftmals auch Spiele gespielt werden, die bereits älter sind, kann Nostalgie natürlich ein weiterer Faktor sein. Andere interessieren sich vielleicht eher für die technische Seite der Herausforderung, nämlich von den Entwicklern übersehene Spielfehler (sog. Glitches) zu finden und im besten Fall für eine niedrigere Zeit nutzbar zu machen.

"Ja, soooooo könnte ich das ja auch..."

Glitch in Mario Land 2 für den GameBoy

Dies dürfte auch einer der Überraschungsmomente für unbedarfte Speedrun-Zuschauer sein, da dieses "Glitch-Exploiting" leicht mit klassischem Cheating verwechselt wird. Während die Motive für diese beiden Aktionen sich überlappen können (wie z.B. das Überspringen von Leveln), so sind jedoch auch klare Unterschiede hervorzuheben. Cheating ist entweder eine von den Spielentwicklern vorgesehene Möglichkeit bestimmte Spielmechaniken abweichend zu einem "normalen" Durchspielen des Videospiels anzupassen oder eine durch externe Software- oder Hardwaremaßnahmen erzielte Veränderung des Spiels. Ziel ist dabei in aller Regel das Senken des Schwierigkeitsgrades durch bspw. unbegrenzte Lebensenergie, die Möglichkeit Wände zu durchfliegen oder das Springen zu bestimmten Spielabschnitten. Wichtig ist jedoch, dass immer eine bestimmte Manipulation abseits der normalen Spielereingaben notwendig ist, um einen solchen Cheat zu aktivieren.

Ach, wirklich?

Glitches hingegen sind übersehene Spielfehler, die oftmals nur durch hochpräzise Spielereingaben auszulösen sind (bspw. innerhalb von Sekundenbruchteilen). Dieser Umstand führt oftmals dazu, dass es schwieriger ist ein Spiel durchzuspielen, indem man Glitches nutzt, als auf normalem Wege oder gar mit Hilfe von Cheats.

Da dies vielen Erstzuschauern eines Speedruns nicht sofort klar sein mag, wird das Thema von den Couch-Kommentatoren bei GDQs öfters angesprochen.

Saving Frames

Um zu erfahren, was den Reiz von Speedrunning ausmacht, gibt es im Grunde genommen nur einen Weg: man sollte sich einen anschauen. Am besten live und mit Zuschauerchat- aber eine Aufzeichnung auf Youtube tut es sicherlich auch. Empfehlungen sind nur schwierig auszusprechen, da die Geschmäcker bzgl. Videospielen und Runner-/Kommentatorpersönlichkeiten natürlich variieren.

Ich empfehle, die Suchbegriffe "[Dein Lieblingsspiel hier] gdq speedrun" bei Youtube einzugeben und einfach mal drauflos zu schauen. Als Ausgangspunkt ist das sicherlich nicht schlecht. Egal welche Art von Videospielen man mag, so ist man zumeist erst einmal überrascht wie schnell sich das jeweilige Spiel denn tatsächlich durchspielen lässt. Viele Egoshooter wie Halflife sind mittlerweile in unter einer halben Stunde durchspielbar und JRPGs wie Pokémon oder Final Fantasy 7 innerhalb weniger Stunden, anstatt der genreüblichen 100+ Stunden.

Hier sind zwei schöne Runs von dieser SGDQ:

Titanfall 2 gespielt von Bryonato

Pokémon Crystal gespielt von Keizaron

...wie war das nochmal mit dem Geld?

Ach ja. Das Geld. Also, wie bereits erwähnt, ist sind GDQs immer Spendenmarathons für wohltätige Zwecke. Die gespendeten Beträge gehen direkt an die jeweiligen NGOs und von dieser Seite her ist auch alles tipp topp.

Das Problem, das ich in den letzten Jahren mit den GDQ-Events habe, ist die mittlerweile gnadenlose kommerzielle Ausschlachtung der Veranstaltungen.

Aber wenn's doch für 'nen guten Zweck is'...

Jein. Offensichtlich ist es gut, wenn eine Menge Geld für wohltätige Zwecke zusammenkommt. Das ist sowohl für die jeweiligen Organisationen gut, als auch für den Ruf der Szene und die positive und umfangreiche Berichterstattung, die schlussendlich ermöglicht, dass mehr Leute mit dieser Freizeitaktivität und Unterhaltungsmöglichkeit in Kontakt kommen.

ABER: Es ist nicht gut, die Qualität der Events darunter leiden zu lassen, dass man mehr und immer mehr Geld in die Spendenkasse pumpen will.

Maßnahmen wie die Sperre des Twitch-Chats für Nutzer, die nicht 5$ für ein Kanalabonnement zahlen oder über Twitch Prime verfügen, die Einführung von Gewinnspielen für gestiftete Fan-Artikel, die Partnerschaft mit dem T-Shirt-Onlinehändler "The Yetee" für Event-Shirts, die Einführung sogenannter "Donation Incentives" (~dt.:"Spendenanreger), deren Scheitern bedeutet, dass gewisse Runs oder Tricks nicht gezeigt werden, die Übernahme der Communityidee eines "Bid Wars" (~dt.:"Spendenkriegs"), also des sich gegenseitigen Überbietens, bspw. um Charakternamen festzulegen und die folgende Übersättigung der Kommentarblöcke zwischen oder auch WÄHREND der Runs mit Hinweisen auf diese, haben meiner Meinung nach zu einem Absinken der Unterhaltungsqualität geführt.

Mittlerweile ist das Programm von GDQs leider ähnlich mit Werbung überfrachtet, wie das normale Fernsehprogramm. Und warum? Ganz sicher nicht für den wohltätigen Zweck.

Denn auch wenn jeder gespendete Dollar der entsprechenden NGO zugutekommt, so gilt das eben nicht oder wenn dann nur zum Teil für Einnahmen aus Werbe-/Sponsoren- oder Merchandising-Deals. Und hier fließt eine Menge Geld. Geld, das zugegebenermaßen für gewisse Aspekte der Veranstaltung benötigt werden wird, denn Veranstaltungshallen, Equipment und Streamingserver sowie Bandbreite zahlen sich sicher nicht von selbst. Dem gegenüber stehen allerdings Ticketverkäufe für den Besuch des Events, sowie die Tatsache, dass Amazon, der Mutterkonzern von Twitch, mittlerweile anteilig so viel Rechenleistung und Uploadbandbreite der Cloud bereitstellt, dass Amazon-Rechenzentrumausfälle ganze Teile des Internets mit sich nehmen. Hier mangelt es also ganz sicher nicht an Geld- gerade wenn es denn tatsächlich nur um einen guten Zweck gehen sollte.

Tatsächlich geht es natürlich auch hier, wie so oft, darum ordentlich Zaster zu machen. Keine große Überraschung, ich weiß, jeder braucht irgendeine Art von Einkommen und das gilt natürlich auch für Eventveranstalter. Jedoch muss man bedenken, dass die Runner keineswegs für ihre Performances bezahlt werden oder eine (je nach Herkunftsland sicher nicht unerhebliche) Reisekostenerstattung erhalten. Auf dieser Seite der Rechnung bleibt natürlich alles auf freiwilliger Basis und "für den guten Zweck".

Und das ist es im Grunde genommen auch, was mir bei der ganzen Nummer so richtig sauer aufstößt. Ich sehe kein Verbrechen darin, mit einem Unterhaltungsprogramm rund um Videospielspeedruns sein Geld zu verdienen. Aber es kotzt mich an, wenn man den Mantel eines Wohltätigkeitevents nutzt, um sich persönlich zu bereichern und zu diesem Zweck anderer Leute Talent, Mühe, Zeit und Vermögen ausbeutet. Das zeugt von schwachem Charakter.

Dass Macht und Geld korrumpieren, haben bereits viele Beispiele in der Geschäftswelt gezeigt, aber irgendwie hofft man ja doch immer, dass die eigenen Hobbies und Interessen davon verschont bleiben. Aber hey, zumindest haben wir es noch nicht so schlimm, wie die Fußballfans, hm? :-/

Speedrunner aller Länder, vereinigt euch!

Marx in der Green Hill Zone

...oder auch nicht. Schlussendlich wird es wahrscheinlich egal sein. Ich denke, vielen wird die zunehmende Ausschlachtung des Events gar nicht weiter aufgefallen sein; oder falls doch, dann kümmert es sie zumindest nicht sonderlich. Wir leben in einer Zeit, in der die zunehmende Kommerzialisierung unseres Alltags nicht mehr die Ausnahme darstellt, sondern die Regel geworden ist.

Kapitalismuskritik ist zum Meme geworden

Und im Twitch-Chat sprechen stolze Amazon Prime-Kunden armen "Plebs" wechselweise ihr Mitleid oder ihren Hohn aus, während sie dafür einen Dienst nutzen, für den sie vor wenigen Jahren noch nicht zahlen mussten.

Die beißende Ironie des Ganzen kann einen an der positiven Zukunft für uns alle in unserem kapitalistischen Wunderland zweifeln lassen. Eine Sache ist jedoch sicher: wenn es eine Freizeitaktivität gibt, die dir (und hinreichend vielen anderen Zahlungsfähigen und -bereiten) am Herzen liegt, dann wird sie wahrscheinlich früher oder später scheiße werden, weil sich jemand damit eine goldene Nase verdienen will.